Wenn alte Traumafragmente aus der Tiefe auftauchen
- Janine Estermann

- 22. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 3 Tagen

Über Traumaintegration und die Sicherheit, sich darin nicht mehr zu verlieren
Die letzten Wochen haben mir nochmals auf eine sehr persönliche Weise aufgezeigt, was sichere Traumaintegration für mich bedeutet und was es heisst, ein stabiler Safe Space in sich zu halten.
Traumatische Erfahrungen können sich anfühlen wie ein Puzzle, das auseinandergesprengt wurde. Viele Teile finden über die Jahre wieder ihren Platz. Andere bleiben irgendwo liegen und bei manchen wissen wir lange nicht einmal, dass sie fehlen.
Genauso bei mir. Durch meine eigene langjährige Aus-und Weiterbildung im Bereich Traumaintegration und die damit einhergehenden Therapiesitzungen haben über mehrere Jahre viele meiner Puzzleteile wieder ihren Platz gefunden. Jedes Einzelne habe ich dabei angeschaut, bewegt, eingeordnet und Stück für Stück wieder an ihren Platz gebracht. Doch immer war da diese eine Lücke im grossen Bild. Ein Puzzleteil war nirgends auffindbar und ich wusste trotzdem, dass etwas fehlte.
Ich wusste nicht genau, wonach ich suchte. Bestimmte Dinge in meinem Leben ergaben für mich einfach nie vollständig Sinn. Mein Körpergedächnis erzählte in einer Sprache die eine Ahnung in mir erzeugte, aber sonst war da nichts. Also habe ich irgendwann akzeptiert, dass es so ist.
Denn wo keine keine klärende Bilder und keine konkrete Erinnerung sind, gibt es auch keine Geschichte die mir verständlich erklärte, was mein Körper mir erzählte. Ich arbeitete lange Zeit mit meinen Körperreaktionen, damit sie ein sichere Gefäss bekommen und nicht dauernd im Kampf, Fight und Flight Modus bewegeten, wie viele Jahre zuvor.
Wie eine Luftblase aus einem dunklen Waldteich
Oft sass ich wie vor einem Waldmoorteich und beobachtete mich, und mein Erleben und die darauffolgende Reaktionen. Das Wasser ist trüb und am Boden liegt Schlamm und Schlacke. Wir können von oben nicht erkennen, was sich darin befindet. Doch wenn wir lange genug an diesem Teich sitzen, steigt irgendwann eine Luftblase auf. Einfach so, ohne dass wir etwas tun. Sie taucht aus der Tiefe auf, wenn die Zeit reif ist.
So erlebe ich es nicht nur in meinen Prozessen, sondern auch in meiner Arbeit. Erinnerungen und Fragmente tauchen oft nicht dann auf, wenn wir sie unbedingt finden wollen. Sie zeigen sich, wenn in uns genügend Stabilität entstanden ist und genügend Flexibilität in unserm Nervensystem vorhanden ist, um mit dem gehen zu können, was auftaucht. Unser Körper kennt sie als gelebte sichere Erfahrung. Eine stabile Grundlage damit sich Bilder, Gerüche, Töne und vielleicht eine klare Geschichte zeigen kann, die in diesem dunklen Waldteich auf diesen Moment gewartet hat.
Die Angst vor der Erinnerungswelle
Viele Menschen, die zu mir kommen, kennen diese Angst. Sie spüren, dass da etwas ist. Der Körper reagiert längst darauf oder es gibt einzelne Empfindungen und eine Ahnung, obwohl noch keine konkrete Erinnerung da ist.
Manche haben bereits erlebt, wie eine solche Welle sie komplett überrollt hat. Danach waren sie tage- wochenlang beschäftig sich wieder zu sortieren, konnten kaum arbeiten oder brauchten lange, bis sie wieder Boden unter den Füssen hatten. Andere waren mit dem, was aufgebrochen ist, alleine, weil niemand da war, der gemeinsam mit ihnen Raum dafür halten konnte.
Wenn du das kennst, ist verständlich, dass bereits die Vorstellung Angst macht, einer alten Geschichte wieder näherzukommen.
Genau deshalb interessiert mich in meiner Praxis zuerst, was in dir da ist, wenn sich etwas zeigt. Ich habe kein Interesse daran, möglichst schnell irgendwo hineinzukommen oder etwas hervorzuholen. Wir bauen dieses innere sichere Gefäss Schritt für Schritt auf. Dein System macht dabei immer wieder die Erfahrung, dass du dich orientieren kannst, während etwas in Bewegung kommt, und dabei in Kontakt mit dir und Beziehungen im Aussen bleibst.
Das verhindert keine grosse Welle. Doch es verändert, was passiert, wenn sie kommt.
Meine eigene Traumawelle surfen
Genau das habe ich in den vergangenen Wochen selbst wieder mal erlebt. Durch etwas Kleines in meinem privaten Umfeld tauchte plötzlich eine Geschichte auf. Bilder, Töne und Gerüche waren da und mit ihnen dieses eine fehlende Puzzleteil. Auf einmal ergaben Dinge Sinn, die ich über Jahre einfach so akzeptieren musste.
Als dieses fehlende Puzzle an seinem Platz fiel, war ich traurig, wütend und gleichzeit einfach nur erleichtert. Endlich machte es Sinn. Innert Sekunden rasterte alles ein. In mir atmete etwas auf, trotz des Schmerzes. Ich kann mir - meinem Körper - vertrauen. Und das entlockte mir ein Lachen. Und ein hell YES!
All die Jahre Traumaintegrationsarbeit machen eine solche Erfahrung nicht harmlos. Sie haben aber verändert, wie ich heute damit sein kann. Es wird leichter.
Trotz diesem "leichter", habe ich in den letzten Wochen sehr gut auf mich geschaut. Das eine oder andere abgesagt, Dinge delegiert und ein paar Nebenschauplätze auch einfach Nebenschauplätze sein lassen. Mein normaler Alltag lief trotzdem weiter. Ich arbeitete mit meinen Klientinnen, war mit meinem Mann und meinen Menschen und gab dem, was sich gezeigt hatte, den Raum, den es brauchte.
Und ich habe mir ganz bewusst die Menschen in mein Team geholt, von denen ich wusste, dass sie das mittragen können. Denen ein Überschrift reicht ohne Details. Menschen, die mir die Hand angeboten und mir gleichzeitig zugetraut haben, dass ich selbst mit dieser Welle gehen kann. Genau diese Mischung war wichtig für mich.
Darin liegt für mich Selbstwirksamkeit. Ich musste mich nicht möglichst schnell wieder in einen angenehmen Zustand bringen. Ich habe mich auch nicht wochenlang aus meinem Leben verabschiedet. Ich konnte schauen, was ich gerade brauche, Unterstützung annehmen und weiterhin auf meinen eigenen Füssen stehen.
Und irgendwann wurde sehr klar: Ich will ans Meer.
Zu Mama Mare.
Mama Mare wartet
Ich war mit meinem Mann dort und lag jeden Tag am Morgen und Abend im Meer. Liess mich treiben, verband mich mit der grossen Umarmung vom Wasser. Ich gab ihr ab, was ich nicht mehr tragen musste, und vertraute mich diesem Gefäss an, das so viel grösser war als meines.
Ich liess mich tragen und nähren. Mama Mare umarmte mich und schaukelte mich sanft und unschuldig wie ein Kind. Da war etwas in diesem Getragensein, das nachnährte, was mir einmal genommen wurde.
Und sie durfte mitnehmen, was gehen konnte.
Ich bin nicht DIE Geschichte. Sie ist nur ein Teil meiner Geschichte
Ein 1.Hilfe Box für Trauma - Reaktionen
Am besten speicherst du diesen als Printscreen auf deinem Handy, dann hast du ihn jederzeit bereit.




